Emilio erwacht und erkennt mit wachsender Verachtung, dass dieser beschissene Tag noch immer nicht vorbei ist. Sam und Gabe haben ihm bereits eröffnet, dass zwei seltsame Gestalten im Nowhere auf ihn warten. Die Beschreibung ließ keinen Zweifel daran, um wen es sich handelt.

Er springt unter die Dusche, schnappt sich anschließend ein paar von Sams schärfsten Klamotten und ist aus der Tür.

Im Nowhere entdeckt er die beiden Kerle, die er erwartet hat: Vito und Sal – von manchen auch „Knuckles“ genannt. Der kleine, untersetzte redet für zwei, und nichts von dem, was er sagt, gefällt Emilio. Der Don übernimmt den Wiederaufbau des Honkers – doch natürlich nicht aus Nächstenliebe. Emilio soll künftig mehr Ware bewegen. Was das konkret heißt, bleibt unausgesprochen. Beleidigt zieht er ab, um Tony anzurufen. Dieser erklärt ihm die Lage in nahezu identischen Worten. Emilio beendet das Gespräch, bevor Tony seinen Satz zu Ende bringen kann, und zeigt ihm die kalte Schulter wie eine echte Diva.

Sam kommt zu sich und steht im Regen aus Asche.

Einen Moment lang weiß sie nicht, wo sie ist – oder wie sie hierher gelangt ist. Der Schrottplatz wirkt dunkel, verzerrt, bedrohlich. Hinter einem Turm aus aufgetürmten Autowracks hört sie Stimmen.

Langsam geht sie näher.

Sie sieht Gabe – und ein Schauer läuft ihr über den Rücken. Sein linker Arm fehlt. Kurz unterhalb der Schulter endet er in einem zerfetzten, dunklen Stumpf. Doch Gabe wirkt vollkommen unbeeindruckt. Stattdessen erkundigt er sich ruhig nach Sams Befinden.

Dann eine zweite Stimme.

Emilio.

Völlig deplatziert.

Er trägt eine Lederweste und Chaps und wirkt wie ein heißer Cowboy aus einem lasziven 18+-Streifen, der gleich sein Lasso schwingt. Sam ist perplex. Verständlicherweise.

Emilio schmiegt sich an Gabe und grinst wie ein Idiot. Sam weicht einen Schritt zurück – direkt in eine Pfütze aus zäher, schwarzer Flüssigkeit.

Und dann geht alles sehr schnell.

Die Flüssigkeit beginnt zu steigen.

Ohne zu zögern erklimmt Sam einen der Türme aus Autowracks. Doch der Turm scheint kein Ende zu nehmen. Unter ihr stehen Emilio und Gabe, irre grinsend, bis die schwarze Masse sie verschlingt.

Endlich erreicht sie die Spitze.

In der Ferne erhellt ein unnatürlich rotes Licht eine Lichtung im Wald. Trotz der Distanz sieht Sam jedes Detail. Das Licht taucht die Welt in widerwärtiges Scharlach. Vermummte Gestalten stehen im Kreis. Über ihnen schwebt etwas.

Die Überreste eines menschlichen Körpers.

Ein Torso mit einem gewaltigen Loch in der Brust. Ein abgetrennter linker Arm. Ein rechtes Bein. Darüber ein separierter Kopf.

Gabe reißt Sam aus dem Traum.

Noch halb benommen wird sie von ihm auf die Beine gezogen und zum Wagen gebracht. Sie nehmen einen alten Waldweg zurück nach Redfield – zurück in Sams Apartment.

Dort versuchen sie, die Ereignisse der letzten Tage zu ordnen. Mit mäßigem Erfolg.

Billys Notizen sind nicht zu entziffern. Doch Sam entdeckt etwas anderes: eine Zeichnung. Zwei Jungen stehen apathisch im Wald — mit dem Rücken zum Betrachter.

Zunächst misst sie dem Bild keine Bedeutung bei.

Gabe erkennt ebenfalls nichts – doch Emilio erstarrt. Er weiß sofort, wer dort gezeichnet wurde: Colin und Thomas. Besser bekannt als die sträflich unterschätzte Progressive-Black-Metal-Band „Zappenduster“.

Sam blickt vom Bild zu Emilio.

Die Figuren, die eben noch mit dem Rücken zum Betrachter standen, haben sich umgedreht.

Sam zweifelt an ihrem Verstand. Sie erbricht sich auf den Boden und geht wortlos ins Bett.

Wenige Minuten später bemerken Emilio und Gabe, dass jemand einen Umschlag unter der Tür hindurchgeschoben hat.

In geschwungener Handschrift steht dort:

„Our Lady of Angels Friedhof — 2:00 Uhr“

Sie wecken Sam, die alles andere als begeistert ist, und fahren zum Friedhof östlich von Redfield.

Der Mond spendet ausreichend Licht, um die Gestalt zu erkennen, die wenig später aus dem Waldrand tritt. Zierlich. Schwarzer Hoodie. Die Hände tief in den Taschen vergraben.

Langsam kommt sie näher.

Wie es in Vermont nun einmal üblich ist, richten unsere Helden ihre Waffen auf sie. Die Fremde wirkt davon nicht sonderlich beeindruckt. Offenbar ist es nicht das erste Mal, dass sie in den Lauf einer geladenen Waffe blickt.

Sie kommt direkt zur Sache.

Angeblich gehört sie zur Bundespolizei und ist Teil einer Ermittlung, die nicht vollständig offiziell läuft. Ihr Partner, Marcus Brady, war etwas auf der Spur. Vor seinem Verschwinden wohnte er im Lone Pine Motel – Zimmer 13.

Cass braucht Leute, die in Redfield nicht auffallen. Leute, die ebenfalls bemerkt haben, dass hier etwas gewaltig nicht stimmt.

Und so kommt unsere Crew ins Spiel.

Übermüdet, verstört und mit deutlich zu vielen offenen Fragen machen sich Gabe, Sam und Emilio auf den Weg zum Motel.

Zimmer 13 wartet.