Stan war meistens ein ziemlich ruhiger Typ. Seine wilden Zeiten lagen ein paar Jahre zurück, und er hatte seinen Frieden gefunden – hier in Redfield, wo er das Coin Drop betrieb. Die beste und einzige Arcade der Stadt. Die Kids nannten sie einfach „das Drop“, und die flackernden Displays der Automaten zogen sie an wie Motten das Licht an einem langen Sommerabend.
Wie gesagt: Stan war selten aufgeregt. Aber heute war ein besonderer Abend. In den letzten Wochen hatte er sogar Werbung in seine Schaufenster gehängt – etwas, das es zuvor noch nie gegeben hatte. Diesmal gab es etwas Besonderes zu präsentieren, und er hoffte, dass mehr Kids auftauchen würden als nur die üblichen Verdächtigen.
Der Grund dafür hieß HELLSCAPE.
Es war der zweite Automat von D.A.M.N. (Digital Arts & Media Network) – und er war revolutionär. Statt eines Monitors und eines gewöhnlichen Controllers sollte HELLSCAPE die Spieler mithilfe eines Helms in eine künstliche Realität entführen. Das Ding würde einschlagen wie eine Bombe. Auch wenn Stan sich wohl damit abfinden musste, diese Revolution der Videospielbranche denselben Rotznasen vorzustellen, die ohnehin jeden Abend hier herumhingen.
Iain, bei einigen seiner Mitschüler auch als Porridge bekannt, war eigentlich immer hier. Er gehörte zu den wenigen, die einen Highscore im Drop ihr Eigen nennen konnten – und Stan hatte es bis heute nicht geschafft, ihn bei MALAGHER zu schlagen.
Steven und sein Kumpel Patrick waren ebenfalls Stammgäste. Wenn sie im Drop waren, gehörte ZOMBIEHOUSE III ihnen – niemand würde ihnen diesen Automaten streitig machen. Nicht aus Angst, sondern aus Respekt.
Max war direkt nach dem Softballtraining mit Pauline in deren ’69er Dodge Challenger zum Drop gefahren. Offiziell, um sich mit ein paar Freunden in der Stadt zu treffen und sich über die Nerds dort lustig zu machen, bevor sie weiterzogen. Inoffiziell hoffte sie, Steven zu sehen. Keine ihrer Freundinnen hätte verstanden, was sie für ihn empfand, also behielt sie es für sich. Seine ruhige, geheimnisvolle Art hatte sie in ihren Bann gezogen, und schon die Vorstellung, in seiner Nähe zu sein, ließ ihr einen wohligen Schauer den Rücken hinablaufen.
Dann flog die Tür auf, und ein ganzer Schwung Teenager kam herein – Gesichter, die Stan im Drop noch nie gesehen hatte. Vielleicht hatte sich die ganze Mühe ja doch gelohnt.
Er beschloss, dass es Zeit war, und zog das Tuch von dem seltsamen Automaten, der mitten im Raum stand. Stan hatte extra ein paar alte Maschinen ausrangiert, um genügend Platz zu schaffen.
Die Augen seiner Gäste weiteten sich.
HELLSCAPE war ein sonderbares Ungetüm. Der Automat selbst war quadratisch und vollständig mit einem Artwork überzogen, das genauso gut ein Heavy-Metal-Albumcover hätte sein können. Ein Barbar und seine Clansbrüder, bewaffnet mit unterschiedlichen Waffen, standen am Rand eines Tals, in dem sich eine Armee aus Skelettkriegern versammelte. Hinter ihnen erhob sich ein dunkler Zauberer, der ein magisches Zepter in die Luft hielt, aus dem grüne Blitze fauchten. Dasselbe unheimliche grüne Licht glomm in den Augen der Skelette. Neben dem Münzeinwurf prangte ein Sticker mit der Aufschrift: „Powered by the Apocalypse“.
Über allem stand in martialischen Lettern:
„HELLSCAPE – Borg und der dunkle Zauberer“
Die Kids waren aus dem Häuschen. Borg – eines der beliebtesten Games überhaupt – hatte endlich einen Nachfolger bekommen.
Steven schritt unbeeindruckt auf den Automaten zu und verkündete, dass er die erste Runde spielen würde.
Das war alles, was Max hören musste. Es war die perfekte Gelegenheit, Stevens Aufmerksamkeit zu erlangen, und schon hatte sie sich den Helm aufgesetzt. Iain war noch dabei, Stan mit Fragen zu dem neuen Automaten zu löchern, als dieser ihm kurzerhand ebenfalls den Helm überstülpte – und ihn damit endlich zum Schweigen brachte.
Mit einem Schlag befanden sich Max, Iain und Steven in einer völlig anderen Welt. Sie standen auf einer spiegelglatten schwarzen Fläche, die sich bis zum Horizont zu erstrecken schien. Zu den Klängen einer imposanten Rockhymne erhob sich das Logo von HELLSCAPE, und die Spieler wurden aufgefordert, ihre Charaktere zu erstellen.
Steven wählte die Klasse Shadowblade, einen flinken Assassinen.
Iain entschied sich für den Battle-Mage, einen mächtigen Zauberer.
Max wurde zu einem Wildblood, einer agilen, naturverbundenen Kriegerin mit druidischen Zügen.
Iain war noch dabei, den beiden erklären zu wollen, wie man die Party am besten aufeinander abstimmte, doch Max und Steven hatten bereits auf Start gedrückt. Im nächsten Moment wurden sie ins Spiel geworfen.
Sie fanden sich am Rand eines dunklen Waldes wieder. Steven überprüfte die Friendly-Fire-Einstellungen, indem er einen seiner Dolche auf Iain warf. Der verlor prompt einen Lebenspunkt – und es tat wirklich weh. Doch niemand nahm Iain ernst genug, um darauf zu achten.
Noch bevor sie sich ganz an ihre neue Umgebung gewöhnen konnten, kamen kichernde Goblins aus dem Wald gerannt. Die Helden machten kurzen Prozess mit ihnen.
Weiter unten im Tal sahen sie eine Burgruine, umgeben von einem Sumpf, in dem vereinzelte Skelettkrieger standen. Vom Turm der Burg schoss ein seltsamer Lichtstrahl geradewegs in den Himmel. Das musste das Ende des Levels sein.
Sie einigten sich darauf, die Stärke der Skelette zu testen. Kurzerhand schoss Max mit ihrem Bogen auf eines der Wesen, das sich überraschend schnell in Bewegung setzte. Auch diesen Kampf entschieden sie für sich – doch Max nahm Schaden und stellte fest, dass sich die Schmerzen erschreckend echt anfühlten.
Steven hatte genug. Er wollte das Spiel beenden. Er griff nach seinem Helm – doch er konnte keinen ertasten. Unmöglich. Die anderen taten es ihm gleich, mit demselben Ergebnis. Steven verlor für einen Moment seine gewohnte Coolness und rief nach den Leuten im Drop. Keine Antwort. Sie waren im Spiel gefangen.
Der Lichtstrahl aus dem Turm. Das musste der Weg hinaus sein.
Zum donnernden Heavy-Metal-Soundtrack kämpften sie sich voran. Max nahm die Gestalt eines Vogels an und führte Iain und Steven durch den Sumpf, ohne weitere Skelette aufzuscheuchen. An der Burgmauer angekommen, sprengte Iain mit mächtigen Zaubern ein Loch in die aus Tetris-ähnlichen Steinen bestehende Wand – dahinter lauerte ein Oger.
Max hielt es für eine gute Idee, die Kreatur anzusprechen. Sekunden später flog sie im hohen Bogen zurück in den Sumpf. Der Treffer tat mehr weh als der Schläger, den ihr Stacey Green in der letzten Saison ins Gesicht gedonnert hatte.
Doch Iain und Steven setzten dem Monster ordentlich zu. Schließlich vergrub Max eine ihrer klauenartigen Stahlkugeln im Schädel des Ogers. Der sackte zusammen, blinkte zweimal – und verschwand.
In einer kurzen Verschnaufpause entdeckte Iain die Tränke an seinem Gürtel, mit denen Max Lebenspunkte und Mana auffüllen konnte. Kurz darauf erhob sie sich erneut in die Luft, um den nächsten Plan umzusetzen.
Max schaltete als Vogel eines der Armbrustskelette auf der Mauer aus. Steven sprintete auf den Burgturm zu, während Iain das Lagerfeuer im Hof explodieren ließ, um das sich Goblins versammelt hatten. Steven wurde von der Explosion erfasst, schaffte es aber trotzdem, die Tür aufzustoßen. Iain und Max folgten hastig. Max landete auf Steven – und es störte sie kein bisschen.
Sie erklommen den Turm. Es war erstaunlich kalt. Dieses „Spiel“ fühlte sich viel zu real an.
Oben angekommen befanden sie sich nicht mehr über dem Sumpf. Die Plattform war zu groß, um Teil der Burg zu sein. Am Horizont ragten schneebedeckte Gipfel auf. Auf einem Podest glühte ein grüner Orb.
Vor ihnen lagen die Überreste eines riesigen Skelettkriegers. Noch bevor sie begreifen konnten, was geschah, begannen sich die Knochen aufeinander zuzubewegen. Geistesgegenwärtig stellte sich Max auf das gewaltige Schwert, das ebenfalls zum Körper glitt.
Noch während die Kreatur ihre Form zurückerlangte, griffen die Helden an. Steven rannte los, rutschte auf den Knien unter dem Koloss hindurch und rammte beide Dolche in seinen Unterleib. Der Skelettkrieger hob den Arm, der grüne Orb landete in seiner knöchernen Hand. Iains nölender Monolog wurde von einem grünen Blitz unterbrochen, der ihm durch Mark und Bein fuhr und ihn fast eine Windel hätte brauchen lassen.
Max erhob sich erneut in die Lüfte, das riesige Schwert im Schlepptau. Krachend durchschlug es den Schädel des Ungetüms. Nun war Iain an der Reihe. Er entfesselte seinen mächtigsten Zauber. Einen Moment geschah nichts – dann zerbarst das Skelett in tausend Teile, die über den Rand der Plattform in die bodenlose Tiefe stürzten.
Der Kampf war gewonnen.
Gemeinsam brachten sie den Orb zum Podest. Max legte die steinerne Kugel in die Vertiefung – und plötzlich waren sie woanders.
Sie blickten ins Tal und sahen Stonebridge, ihre Nachbarstadt. Als sie an sich herabsahen, waren sie wieder sie selbst. Noch bevor sie begreifen konnten, was geschehen war, bemerkten sie etwas hinter sich.
Ein Junge stand in der Tür einer alten Waldhütte. Sein Blick war leer, apathisch.
„Helft mir“, sagte er atemlos, drehte sich um und verschwand in der Dunkelheit. Die Tür schlug zu. In ihr war ein seltsames Symbol eingeritzt.
„So, wenn ihr bereit seid, dann kann es ja losgehen!“ hörten sie Stan rufen.
Plötzlich standen sie wieder im Coin Drop. Das Spiel hatte noch gar nicht begonnen.
Es war zu viel.
Max nahm Iain und Steven an den Händen und zog sie aus dem Laden. Draußen raste ein LKW vorbei. Kurz darauf stolperten drei Betrunkene aus einer Kneipe und nahmen sie gröhlend ins Visier, rissen dabei eine Parkuhr um.
Steven führte sie durch die Hintergassen bis an den Rand der Stadt. Dort hatte er einen Platz im Unterholz, wenn ihm die Welt zu laut wurde. Von hier aus überblickte man das Silver Creek Valley.
Sie wechselten ein paar karge Worte. Dann schwiegen sie.
Schließlich beschlossen sie, dass Schlaf wohl das Beste war, um all das zu verdauen. Steven bot an, Max und Iain nach Hause zu bringen. Wortlos trotteten sie durch die Nacht.